Die Jahreslosung 2019

Mit freundlicher Genehmigung: Jahreslosung im Verlag am Birnbach

Gedanken zum Bild der Jahreslosung 2019

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus

Liebe Gemeinde, in den letzten Tagen haben Sie sicherlich genauso wie ich auch mal einen Blick zurück auf das vergangene Jahr geworfen. Es gab gute Tage, es gab schlechte Tage, wir haben Dinge erlebt, die uns traurig gemacht haben und anderes wiederum, das uns hat jubeln lassen. Heute, am letzten Abend des Jahres, schaut man oft nochmal in sich rein und bewertet, wie das letzte Jahr gewesen ist. Wir werden ruhig und besinnlich und bereiten uns auf das nächste Jahr vor.

Aber ist das wirklich so? Werden wir wirklich ruhig und besinnlich? Manche werden das sicherlich, doch die meisten von uns freuen sich auf die Silvesterfeier, darauf, das neue Jahr mit all seinen neuen Facetten begrüßen zu dürfen.

Ich für mich hoffe, dass ich auch in diesem Jahr wieder eine gute Mischung aus beidem finde, Rückblick und Vorschau mit Freude.

Die neue Jahreslosung stellt dabei für mich immer ein Motto da, welches mich das ganze Jahr durch begleitet. Nicht immer im Vordergrund präsent, aber doch das Jahr durch tragend.

Die Losung für das Jahr 2019 finden wir im Psalm 34 im 15. Vers.

„Suche Frieden und jage ihm nach!“

Frieden
Was für ein Wort mit so vielen Assoziationen. Ich denke an den Friedensgruß im Gottesdienst, an den „Frieden Gottes“ beim Segen, an den Gruß des Auferstandenen „Friede sei mit euch“. Und vor Kurzem haben sich viele Menschen friedliche Weihnachten gewünscht.

Frieden oder Hebräisch „Schalom“

Im hebräischen Denken bedeutet „Frieden“ weit mehr als nur die Abwesenheit von Streit und Krieg, auch keine Friedhofsruhe. „Schalom“ meint eine tiefe Sehnsucht nach einer heilen, unversehrten Welt, in der keine Gefahr mehr droht.
Ich sehe Kinder in Syrien, die lachend und in Gummistiefeln in die Pfützen hüpfen; ich sehe alte Menschen bei einer Tasse Tee vor ihren Häusern sitzen. Die Reihe der Sehnsuchtsbilder ließe sich ohne Mühe fortsetzen.

„Schalom“ ist die unverbrüchliche Hoffnung auf ein gerechtes und alle Feindschaft überwindendes Miteinander der ganzen Schöpfung: „Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserm Land Ehre wohne; dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue“ (Psalm 85,10-12).

Diese Friedensbotschaft ist Kern aller prophetischen Verkündigung und Erwartung. So hofft und verheißt der Prophet Micha: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen“ (Micha 4, 3ff). Letztlich kann nur einer die zerstörte und zerstrittene, von Gott abgefallene Schöpfung am Ende der Zeiten wieder zurechtbringen und heilen: der von Gott eingesetzte Friedenskönig, der von Israel sehnsüchtig erwartete Messias. Die antike Welt sehnte sich einen nie endenden Frieden herbei. Die Philosophen prägten den Begriff „ataraxia“ – heitere Ruhe und Stille. Der Kaiser konnte vielleicht Weltfrieden ermöglichen; was aber die Menschen ersehnten, war ein friedvolles Herz und heiteres Gemüt. Mit dem von den Propheten angekündigten Friedenskönig schien das Ziel sehr nahe. Was hier im Großen angedacht wurde, lässt sich auf den kleinen Bereich der Familie herunterbrechen – die Sehnsucht nach ungetrübter Gemeinschaft. Schauen wir einmal genauer hin:

Nur noch selten kommt heute die ganze Familie zusammen. Oft wohnt man inzwischen weit verstreut. Wenn dann aber alle um einen Tisch sitzen, trifft Vieles aufeinander. Unsichtbar mit dabei ist bei den meisten aus der Runde der Wunsch, es möge doch alles friedlich und harmonisch zugehen und bitte kein Thema zur Sprache kommen, bei dem der Konflikt schon vorprogrammiert ist. Doch es fällt garantiert das eine gewisse Stichwort, und immer findet sich jemand, der mit Begeisterung darauf eingeht und ein Kämpfchen wagt, aber auch den, der schnell alle Wogen zu glätten versucht. Viel zu oft habe ich diese Situation schon selbst erlebt, mal in der einen mal in der anderen Rolle.

Was tun wir nicht alles „um des lieben Friedens willen“? Wie viel wird unter den Teppich gekehrt? Und dort liegt es dann, bis irgendwer irgendwann darüber stolpert. Dann ist es schnell um den „lieben Frieden“ geschehen. Er ist kein Dauergast, der einfach so mit am Tisch sitzt und ein friedliches Miteinander garantiert. Weder in unseren Familien und unserer Gesellschaft noch in unserer Welt, auch nicht in unseren Kirchen und Gemeinden. Überall erleben wir, wie zerbrechlich und flüchtig der Friede ist. Wie leichtfertig und oft auch unbedacht wir ihn aufs Spiel setzen.

Frieden ist und bleibt ein Dauerthema, schon zu allen Zeiten der Menschheit.

Der Verdacht legt sich nahe, dass so viel von ihm geredet wird, weil wir ihn so sehr vermissen und es an allen Ecken und Enden brennt. Viele sehnen sich danach und scheitern doch daran, ihn zu leben. Anspruch und Wirklichkeit klaffen oft weit auseinander. Unzufriedenheit kann schnell zur Wurzel von Hass und Entzweiung werden. Wie oft sind der neidvolle Blick auf andere oder die unterschwelligen Sorgen, im Leben zu kurz zu kommen, Ursache für Streit und Auseinandersetzungen! Wo quält uns die meist uneingestandene Angst, an Einfluss, Ansehen oder Macht zu verlieren?

Suche Frieden und jage ihm nach! Nehmen wir das Bild zur Hand.

Ein strahlend weißes Kreuz erstreckt sich über die gesamte Grafik-Collage Stefanie Bahlingers und reicht sogar darüber hinaus. Es sprengt Raum und Zeit, verbindet Himmel und Erde, umfasst alles, was war, was ist und was noch sein wird. Die Künstlerin wählt ein Kreuz als Zeichen des Friedens. Den Ort, an dem Christus alle feindlichen Mächte besiegt hat. Am Kreuz hat Gott mit uns Menschen und seiner ganzen Schöpfung Frieden geschlossen. Auf unserer Suche nach gerechtem Frieden im Kleinen wie im Großen kommen wir nicht am Kreuz vorbei! Wie die vielen Menschen in der Grafik, die einander ohne trennende Mauern und Grenzen ganz nah sind. Sie geben einander Halt und leuchten in den Regenbogenfarben, die wie durch ein Prisma vom reinen Weiß des Kreuzes reflektiert werden. Da stören keine Unterschiede, auch nicht der Herkunft, angedeutet durch die aneinandergefügten Schriftfragmente des Vaterunsers in verschiedenen Sprachen. Ihre Anordnung erinnert an ein „Haus lebendiger Steine“, mit dem das Reich Gottes immer wieder verglichen wird. Möglicherweise bilden die Personen auch eine „Menschentraube“ als Hinweis auf Jesu Rede vom Weinstock und seinen Reben, die nur am Weinstock Frucht bringen können. Allein, abgelöst von ihm und seiner Gemeinde lebt es sich gefährlich. Wirklichen Frieden gibt es an Jesus nicht vorbei. Nicht wir suchen als Erstes den Frieden mit Gott, sondern Gott sucht seinen Weg in unsere Herzen – und dies hat in Bethlehem begonnen. Nicht in einem Palast, sondern in einem Stall. Was für ein Start, um den Menschen Frieden zu bringen. Um Jesus sollte man sich also scharen und eine „Menschentraube“ bilden, um auf den Schalom aufmerksam zu machen und ihn auszubreiten. Schalom – oder, um es mit der Jahreslosung zu sagen: „jage ihm nach“ in der Bedeutung von „zielstrebig“ sein.

„Suche Frieden und jage ihm nach!“ – geht nur mit der Bereitschaft, die Blickrichtung zu wechseln und sich von Christus immer wieder neu ausrichten zu lassen. Die Farben verlieren sich zum unteren Bildrand hin, an dem alle Unterschiede nahezu aufgehoben und dem Weiß des Kreuzes angeglichen sind. „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Matthäus 5, 9), verspricht Jesus in der Bergpredigt. Als seine Kinder sind wir dazu berufen, Licht der Welt zu sein. Wie die einladende, helle Stadt auf dem Berg im Hintergrund.

Zu ihr zieht es auch die Menschen am rechten und linken Rand. Deutlich „gebrochene“, grauschwarze Existenzen sehnen sich mit ihren abgeknickten und kaputten Beziehungen nach Heilsein, nach dem Schalom! In den Bruchstücken ihres Lebens sind auch Ausschnitte des Vaterunsers zu lesen: „… vergib uns unsere Schuld …“ Frieden und Versöhnung zu leben, ist eine Überforderung, wenn wir dabei nur von unseren Möglichkeiten ausgehen. So steht auch das „Amen“ direkt am Fuß des Kreuzes. Frieden und Versöhnung zu leben, haben wir nie im Griff. Und doch sind wir dazu aufgerufen:
Suche Frieden und jage ihm nach!

Was lähmt und hindert mich daran, in Frieden zu leben?

Die Grafik stellt Phasen meines Lebens in seiner ganzen Bandbreite dar und mutet mir ganz persönliche Fragen zu: Wo würde ich mich selber gerade ansiedeln? Wo sind Beziehungen zerbrochen? Welche Trümmer liegen im Weg und könnte ich aus dem Weg räumen? An welcher Stelle sollte ich von meiner festgefahrenen Sicht der Dinge Abstand nehmen und vielleicht nicht länger auf mein Recht pochen und alte Wunden lecken? Was lähmt und hindert mich daran, in Frieden zu leben? Auch mit mir selber und meiner Geschichte …

Manchmal scheint es leichter zu sein, sich für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt zu engagieren, als sich den Herausforderungen in unmittelbarer Nähe zu stellen. Das eine darf das andere aber nicht ausschließen.
Suche Frieden und jage ihm nach!

Christus lädt uns ein in seinen Frieden. An uns liegt es, wie wir uns an ihn und seine Versöhnungskraft „binden“ lassen, angedeutet durch die beiden goldenen Diagonalen in der Mitte des Kreuzes. Dann bleibt es nicht aus, dass wir seinen Frieden an unserem Platz widerspiegeln, oft nur verschwommen und flüchtig. Bis am Ende der Zeiten der ewige Schalom anbricht:
Dafür steht der goldene Bogen am oberen Rand der Grafik. Wenn Jesus durch das goldene Tor in Jerusalem kommt, bricht für alle sichtbar das ewige Friedensreich an: „Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ (Lukas 13, 29)

Einen kleinen Blick auf dieses Festmahl dürfen auch wir heute Abend schon erhaschen, wenn wir gleich das Abendmahl feiern. Und bei dem großen Festmahl dann, wird der Friede als „Dauergast“ mit am Tisch sitzen.

Das garantiert der Gastgeber persönlich!

Und der Friede Gottes der höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen in Christus Jesus.

Amen.